1. Die Zitadelle Mainz im winterlichen Gewand
  2. Doppelhorn von Gebr. Alexander (1915)
  3. Marionettenbühne (1928)
  4. Kettenhandtasche mit Stofffutter (Metallwarenfabrik Wilhelm Hanss)
  5. Landschafts-Bildkarten (kombinierbar)

Objekt des Monats

 

Februar 2023

Wintermantel eines Gastarbeiters

Der Italiener Bruno Bellini kam 1959 nach Deutschland. Er war nicht darauf vorbereitet, dass es dort so kalt sein würde. Daher kaufte er sich diese Winterjacke. Am 1. März 1962 eröffnete der gelernte Bäcker mit dem "Como Lario" in der Neubrunnenstraße das erste ausländische Speiselokal in Mainz.  

Der bundesweite wirtschaftliche Aufschwung der 1950er Jahre hatte zur Folge, dass es Ende des Jahrzehnts an Arbeitskräften mangelte. Bundesweit warb man deshalb um Arbeitsmigranten. 1959 siedelten sich auch in Mainz die ersten sogenannten Gastarbeiter an. Nicht alle kamen über die Anwerbeabkommen, die in den 1950er und 1960er Jahren mit verschiedenen Ländern geschlossen wurden, viele reisten auch allein oder mit Verwandten ein und suchten sich vor Ort Arbeit. Etliche blieben in Deutschland und holten auch ihre Familien nach.

Viele Angehörige der zweiten Generation dieser Familien, die in der Heimat geboren und später nachgeholt wurden, hatten es besonders schwer weil sie teilweise ohne Eltern aufwuchsen und im Heimatland den Schulabschluss machten, wodurch sie häufig nicht so gut Deutsch sprachen. Die dritte Generation wurde in der Regel in Deutschland geboren und wuchs hier auf – sie sind von Deutschen ohne Migrationshintergrund nicht zu unterscheiden. Heute sind sie ganz selbstverständlich unsere Mitbürger:innen, Nachbarn, Kolleg:innen und Freunde.

Bis in die 1970er hinein stellten italienische Staatsbürger mit ungefähr der Hälfte aller Migranten den größten Anteil der ersten Gastarbeitergeneration in Mainz. Heute sind es türkische Staatsangehörige mit gut 20 Prozent. Über ein Viertel der Mainzer Bevölkerung hat heute einen Migrationshintergrund.

Eines der Hauptprobleme der ersten Gastarbeitergeneration bestand in der Wohnungssuche. Zumutbarer Wohnraum war knapp. Die ersten „Gastarbeiter“ gingen meistens davon aus, nur für eine befristete Zeit in Deutschland zu arbeiten und dann in ihr Heimatland zurückzukehren. So kamen zunächst hauptsächlich Männer ohne ihre Familien. Für sie errichteten größere Unternehmen Sammelunterkünfte in Werksnähe. Dies verhinderte eine Durchmischung mit der einheimischen Bevölkerung. Mangelnde Sprachkenntnisse erschwerten die Integration anfangs zusätzlich.

Als die Migranten dann im Laufe der Jahre dauerhafte Arbeitsstellen bekamen und teilweise ihre Familien nachholten, nahm der Wunsch nach einer eigenen Wohnung zu. Die Wohnungssuche gestaltete sich schwierig – oft blieben nur Ein-Zimmer-Wohnungen ohne eigene Küche oder Zwei-Zimmer-Wohnungen zu überteuerten Mietpreisen. Auf dem Wohnungsmarkt waren die Familien oft benachteiligt, weil Vermieter:innen nicht an Ausländer vermieten wollten. Bis 1972 lebten noch immer rund 20% der „Gastarbeiter“ in den Sammelwohnheimen. Ausländische Kinder besuchten häufig sogenannte Vorbereitungsklassen, die nach Nationalitäten getrennt waren. Das machte eine spätere Integration in deutschsprachige Klassen schwierig. Die fehlenden Bildungschancen für Kinder aus Migrantenfamilien waren daher ebenfalls ein Problem.

Provenienz der Jacke

2018 startete das Stadthistorische Museum zusammen mit elf Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums am Kurfürstlichen Schloss das Projekt „Mainzer ‚Gastarbeiter‘ der ersten Generation“. Grundlage für die daraus resultierende Sonderausstellung sind Gespräche mit zehn Frauen und Männern aus verschiedenen Ländern gewesen. Unter ihnen auch Bruno Bellini, der dem Museum seine Winterjacke als Objekt spendete.

 

 


0.2.Dezember 2022

Das Varianto System wurde von der Firma Schuco im Jahre 1951 auf den Markt gebracht. Das System 3010 begeisterte durch eine innovative Technik und Vielseitigkeit. Es wurden unterschiedliche Varianto-Kästen (Starter- und Aufbaupakete) angeboten, deren Inhalte sich beliebig kombinieren ließen. Ausbaufähig wie bei einer Eisenbahnanlage konnten so komplexe Verkehrssituation gespielt werden mit Brücken, Weichen, Tunneln, Ampeln und dergleichen mehr. Zur Führung der Autos dienen Leitdrähte, die eine flexible Streckenführung ermöglichen. Revolutionär ist die Technik der Federmotor-Autos: Angetrieben wurden sie wie üblich über die beiden Hinterräder, gelenkt jedoch über ein fünftes Rad, das sich zwischen den beiden Vorderrädern befand. In dieses Rillenlenkrad passten genau die Leitdrähte - flexible für Kurven und starre für lange Geraden. Zusätzlich waren die Autos ausgestattet mit einem Hebel für Stopp und für drei verschiedene Geschwindigkeiten sowie einer aufsteckbaren Fernlenkwelle für eine Fernsteuerung.

Die Form der Autos spiegeln den Zeitgeist im Wirtschaftswunderland der 1950er Jahre wider. Vorbilder waren Autos amerikanischer Unternehmen, jedoch mit dem Label „Made in US-Zone Germany“.

Selbst das Thema Elektromobilität wurde bei Schuco bereits damals aufgegriffen. Varianto Elektroautos (angetrieben mit zwei 1,5V Batterien) konnten auf allen Varianto Systemen fahren. Und es gab sogar Ladesäulen. Die Schuco-Tankstelle 3055 besaß einen Trafo, an dem die Batterien innerhalb von 5 Minuten aufgeladen werden konnten.

Geschichte der Firma Schuco

Im Jahre 1912 gründeten der Kaufmann Heinrich Schreyer und der Werkzeugmacher Heinrich Müller in Nürnberg die Spielwarenfirma „Schreyer und Co.“ Aus der Zusammensetzung von Schreyer und Co wurde 1924 die Schutzmarke Schuco eingetragen. Heinrich Müller erfand ständig zukunftweisende Mechaniken und meldete zahllose Patente an. Mitte der 30er Jahre wurden die ersten Spielzeugautos produziert, auf denen der spätere Weltruf der Firma basiert. Besonders populär waren das legendäre „Wende-Auto“ und der Mercedes „Silberpfeil“, genannt Schuco Studio.   

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Produktion (zuerst Export nur nach USA) wieder aufgenommen und um neue Modelle erweitert, darunter das   erfolgreiche System „Varianto“.

In den 1960er Jahren verpasste die Firma weitreichende Veränderungen auf dem Spielzeugmarkt, wie die Ablösung von Blechspielzeug durch Kunststoff- und Spritzgussmodelle. 1976 meldete die Firma Konkurs an und es erfolgten mehrere Eigentümerwechsel. Seit 1999 gehört Schuco zur SIMBA DICKIE GROUP und setzt wieder Maßstäbe bei der Produktion von Zinkdruckguss-Modellen.


0.3.November 2022

„Möwe“ Nr. 3208.

Die Mainzer Bürgerschaft sollte endlich nach 500 Jahren wieder ein Rathaus erhalten.          

1969 einigte man sich auf den Entwurf der dänischen Architekten Arne Jacobsen und Otto Weitling, der einen modernen Bau unmittelbar am Rheinufer vorsah. Das Mainzer Rathaus wurde von Anfang an als Gesamtkunstwerk verstanden. So wurden 1973 auch die Sitzmöbel nach Entwürfen Arne Jacobsens bei Fritz Hansen hergestellt. Von den etwa sechs Typen der Stuhlserie 7 (1950 und später) zeigen wir als Objekt des Monats November 2022 den Stuhl: „Möwe“ Nr. 3208 (mit Armlehne), englisch „Seagull“.

Die Konferenzräume (ausgenommen die Kantinensäle) tragen die Namen der Partnerstädte von Mainz. Die darin enthaltene Bestuhlung von A. Jacobsen / F. Hansen ist wie das Rathaus selbst denkmalgeschützt. Der Stuhl „Möwe“ kam von Beginn an im Zimmer „Louisville“ und im Empfangsraum zum Einsatz.

460 Stühle der Serie 7 (darunter auch die Möwe) wurden für das neue Rathaus angeschafft, 2006 wurden 270 davon mit einem Gesamterlös von 85.000 EURO versteigert. Der Ertrag wurde für die Sanierung der verbleibenden 190 Stühle verwendet. Auch nach der umfänglichen Sanierung des Rathauses (Beginn 2019, Abschluss ca. 2025) werden die Designerstühle die Räume wieder schmücken.

Im Rahmen der Versteigerungsaktion der Stühle im Jahr 2006 entschied das städtische Hauptamt dem Stadthistorischen Museum Mainz drei verschiedene Stuhlmodelle, darunter die Nr. 3208 „Möwe“, zu überlassen. Der Stuhl stammt aus der nicht überarbeiteten Charge und zeigt deshalb deutliche Gebrauchsspuren und Beschädigungen im Bereich des Lederbezuges. Bisher konnte das Designer-Sitzmöbel mangels passender Themen noch nicht ausgestellt werden. Es freut uns daher sehr, dass es nun im Rahmen des „Objekts des Monats“ möglich wurde.


0.4.Oktober 2022

In diesem Monat widmen wir uns der Schönberger Sektkellerei, insbesondere einem Werbeplakat, das um 1905 hergestellt wurde. Es war für die Dekoration von Schaufenstern und zum Aushang in Wein- und Sekthandlungen, sowie für die Präsentation auf Messen bestens geeignet.

1876 eröffnete Abraham Schönberger eine Weinhandlung im Eisgrubweg 7. Er war mit Karoline geb. Adler verheiratet und das Paar hatte acht Kinder. In den 1880er Jahren begann Abraham mit der Schaumweinherstellung. Seine Söhne Eugen und Arthur besuchten das Realgymnasium und erhielten im Anschluss daran eine Ausbildung im Weinfach. Eugen wurde im elterlichen Betrieb für die kaufmännisch technische Seite qualifiziert, sein Bruder Arthur für die handwerkliche. Er erlernte in Frankreich die Champagner-Herstellung.

1892 starb Abraham Schönberger. Seine Witwe Karoline übernahm die Weinhandlung für zehn Jahre als Prokuristin. Der Sohn Eugen stieg in die Geschäftsleitung auf. Mit Arthurs Einstieg in die Firma wurde 1906 der Weinhandel aufgegeben und die alleinige Sektproduktion in der Walpodenstraße aufgenommen. Die Schwester Berta wurde Prokuristin im Familienbetrieb. Zu Beginn produzierten die Schönbergers Billigsekte, stiegen jedoch 1909 auf die Herstellung hochwertiger Sekte und Champagner um. Dabei war man sehr erfolgreich. Unter mehr als 100 Konkurrenten wurde die Firma Schönberger als einzige Sektkellerei in jüdischem Besitz diejenige mit dem drittgrößten Flaschenumsatz. Nach dem Tod Arthurs am 7. Dezember 1931 führten die Geschwister Eugen und Berta die Firma weiter.

Ein derart erfolgreiches Unternehmen gelangte nach der Machtübertragung rasch ins Visier der Nationalsozialisten. Eugen wehrte sich lange gegen den Verkauf des Familienbetriebes. Wendepunkt war die Reichspogromnacht vom 9./10. November 1938. Während die Schönbergers erreichen konnten, dass ihre Produktionsanlagen verschont wurden, wurde Eugens Wohnung durch die SA zerstört. Unter erpresserischem Druck des Kreiswirtschaftsberaters Jamin unterschrieb Eugen Schönberger den Kaufvertrag mit dem Wiesbadener Weinhändler Dr. Wilhelm Ruthe. Die Arisierung erfolgte mit Hilfe der Industrie- und Handelskammer Mainz.

Das Stadthistorische Museum Mainz besitzt vom Hause Schönberger noch zahlreiche Exponate, die in unserer Begleitvitrine bzw. in der Dauerausstellung zu sehen sind.


0.5.September 2022

Den Auftakt zu den Objekten des Monats bildet eine Chiffonniere, eine Sonderform der Kommode, ein Schubladenschrank, der in der Regel mit 7 Schubladen ausgestattet ist. Das sehenswerte Möbelstück wurde um 1840 in der Werkstatt des Mainzer Möbelschreiners Wolfgang Knussmann hergestellt. Es ist aus Tannenholz gefertigt und mit Nussbaumholz in Wurzelmaserung furniert. 

Die Werkstätten der Schreinerfamilie Knussmann existierten von 1755 bis 1874 an verschiedenen Standorten in Mainz und wurden sowohl national als auch international durch Beiträge zu den Weltausstellungen 1862 in London und 1867 in Paris bekannt. Neben Bildern der ungefähren Standorte der Werkstätten sind auch eine Auswahl von Geschäftsbriefen, Rechnungen und Berichten aus dem Jahre 1870 ausgestellt.

Bis Ende des Monats gibt es noch die Gelegenheit, die Chiffonniere zu sehen. Danach wird sie durch das Objekt des Monats Oktober ausgetauscht. Die Vorbereitungen hierzu laufen, bleiben Sie gespannt!