Zeitraum

11. Juni - 13. Oktober 2013

Rahmenprogramm

13. Oktober 2013, 15-17 Uhr
Finissage

Sommerzeit - Reisezeit

Reiselust
Waren im Mittelalter und der frühen Neuzeit vor allem Pilgerreisen, die Walz von Handwerksburschen und adelige Repräsentationsreisen vorherrschend, entwickelte sich mit dem Aufstieg des Bürgertums im 18. Jahrhundert eine neue Reiselust heraus. Diese Reisen waren bestimmt vom Geist der Aufklärung  und führten in zukunftsweisende Länder des Industriekapitalismus oder nach Italien. Reisen als Erholung blieb jedoch noch lange Zeit den Adels- und frühen Bürgereliten vorbehalten.
Entscheidend für die Ausweitung des Reisens waren neben der Aufhebung der Leibeigenschaft vor allem verbesserte finanzielle Möglichkeiten sowie die allmähliche Entwicklung eines Urlaubsanspruches über das Bürgertum hinaus auf die Arbeiterschaft. An der Wende zum 20. Jahrhundert gewährten nur ca. 100 Unternehmen im Kaiserreich  ihrer Belegschaft überhaupt Urlaub. Dieser wurde zudem an langjährige Betriebszugehörigkeit gekoppelt. Erst in der Weimarer Republik wurden Urlaubsansprüche gesetzlich festgeschrieben. Sie betrugen oft nur wenige Tage, stellten aber einen ersten Schritt in Richtung Tourismus für breite Bevölkerungsschichten dar.

Reiseziele
Neben Heilsorten (ob Geistesheil oder Körperheil) wurden Naturlandschaften  mit der Romantik als Reiseziel entdeckt. Die Natur wurde nun nicht mehr als bedrohlich, sondern als Raum der Freiheit und als Heilsquelle empfunden. Landschaften wie das Mittelrheintal oder die Hochgebirge avancierten mystisch-verklärt zu beliebten Ausflugszielen.

Entscheidenden Einfluss auf das Reiseverhalten hatte auch die Entwicklung der Dampfschifffahrt und der Eisenbahn. Diese neuen Technologien machten das Reisen schneller, bequemer und finanziell erschwinglicher. Das Reisen mit der Eisenbahn wurde nun als Landschaftsfilm wahrnehmbar. Bergbahnen führten in die zuvor als bedrohlich wahrgenommenen Alpen und Mittelgebirge. Diese Regionen wiederum schufen nach und nach eine Infrastruktur für die Urlauber, und zwar auch für den Wintersport, wodurch eine zweite Reisesaison im Jahresablauf entstand. Die Lust am Meer dagegen wurde nur langsam geweckt. Die frühen Küstenbäder des 18. Jh. waren wie die schicken Binnenbäder geschlossene Schauplätze aristokratischer Gesellschaften und öffneten sich erst spät für breitere Bevölkerungsschichten. Das Meer wurde zunächst nur als Kulisse gesehen. Erst die Romantik weckte die Bereitschaft, im Meer zu baden, die Fluten verloren ihren Schrecken.

Reisespiele
Zur Mitte des 19. Jh. zeigte sich bereits eine Internationalisierung der deutschen Spieleindustrie, Diese konnte eine Jahrhunderte alte Tradition aus dem Handwerk heraus aufweisen. Spiele wurden nun nach Großbritannien und Nordamerika exportiert. Der Aufstieg der Papierindustrie beförderte die Produktion von Papierspielen, und die Farblithographie bestimmte zunehmend die Spielegestaltung.
Vor allem Familien aus dem Bürgertum bevorzugten pädagogische Gesellschaftsspiele. Das Angebot der Spielefabrikanten richtete sich dementsprechend aus. Puzzles, Quartette oder Brettspiele vermittelten Geschichts-, Kultur-, Technik- und Geografiekenntnisse in Bezug auf Reiseziele. An diesen lässt sich der Wandel des bürgerlichen Fernwehs ablesen.

Das erste dokumentierte Reisebrettspiel "Reisen um die VI Welttheile" entstand um 1800. Über die bewunderte Bergwelt der Alpen (Reise durch die Schweiz) reisten die Spieler z. B. weiter in entfernte Kolonien (Die Reise nach Afrika). Die Spielebranche arbeitete zudem rasch neueste Errungenschaften der Verkehrstechnik in ihre Spiele ein. Um 1900 forderte die Reformpädagogik einen höheren künstlerischen Gestaltunganspruch von den Herstellern ein. Der Verlag Jos. Scholz zeichnete sich gerade hier mit seiner Reihe „Spiel mit! Scholz künstlerische Spiele“ besonders aus.

Der Jos. Scholz Verlag Mainz
Der Ursprung der Scholz-Spiele liegt in den dekorativen Drucken, die der Verlag seit 1820 anfertigte. Wann man damit begann, die kolorierten Lithografien auf Pappe oder Würfel zu kleben, sie zu zerschneiden und so Puzzles zu fabrizieren, ist unbekannt. Ebenso wenig wissen wir, seit wann Scholz Spielpläne samt Spielanleitung auf Bogen druckte, wobei der Käufer die Würfel und Spielsteine selbst organisieren musste. Eine andere Form von Papierspielen bildeten die Ausschneide- und Aufstellbogen, mit deren Hilfe die Kinder ihr Spielzeug (Puppen, Häuser, Soldaten usw.) selbst fertigen konnten. Und schließlich eignete sich Papier auch für die Herstellung von Kartenspielen. Ausgehend von diesen vier Arten der Papierspiele-Fabrikation schuf Scholz – neben seinem bedeutenden Kinder- und Jugendbuch-Sortiment – in der zweiten Hälfte des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine große und vielfältige Produktpalette von Papierspielen, von denen unsere Ausstellung einen kleinen Ausschnitt zeigt.

(Leihgaben aus der Sammlung Scholtz, Mainz)