Haustrunk, Wohnzwang, 12-Stunden-Schicht - Arbeitsbedingungen der Brauereiarbeiter und ihre Organisationen um 1900

Im Jahr 1901 feierte der "Zentralverband der Brauer, Zahlstelle Mainz" (die Gewerkschaft der Brauer) sein zehnjähriges Bestehen. Er hatte sich ein Jahr nach dem Ende des "Sozialistengesetzes" gegründet.[Bild: Stadtarchiv Mainz]

In vielen Brauereien wurde in den 1890er Jahren noch mehr als 11 Stunden täglich gearbeitet. Hinzu kamen meist einige Stunden Sonntagsarbeit. Ein Teil der Arbeitskräfte musste auch auf dem Betriebsgelände wohnen und essen. Nach dem Ende des „Sozialistengesetzes“ (1890) begannen sich auch die Brauereiarbeiter gewerkschaftlich zu organisieren. Die ersten Versuche im Mai 1891 und im Frühjahr 1893, bessere Arbeitsbedingungen durchzusetzen, endeten mit der Entlassung aller Streikenden.

Doch allmählich erkannten die Brauereibesitzer, dass eine Einbeziehung der Beschäftigten in Entscheidungen weiter führte als Konfrontation. So ließ die Rheinische Bierbrauerei 1898 als erster Betrieb dieser Branche in Mainz einen Arbeiterausschuss für die Aushandlung betrieblicher Vereinbarungen wählen. Gleichzeitig stieg die Zahl der gewerkschaftlich Organisierten rasch an. Waren im Jahr 1900 in Mainz nur 15% der in Brauereien Beschäftigten im Zentralverband der deutschen Brauereiarbeiter organisiert, so waren dies 1907 bereits fast 45%.

1905 wurde nach zähem Ringen für Mainz und Umgebung ein erster Tarifvertrag mit dreijähriger Laufzeit abgeschlossen. Neben Lohnhöhe und Arbeitszeiten (10 Stunden täglich mit 2 Stunden Pause bei 12-Stunden-Schichten) wurden darin auch die Aufhebung des Übernachtungsgebotes im Betrieb und die Ablösung des „Haustrunkes“ geregelt. Den Bierbrauern, Mälzern und Küfern standen täglich 6 Liter zu. Viele wollten jedoch nicht so viel Bier trinken, sondern ließen sich den Gegenwert lieber auszahlen.

Das Aushandeln eines Anschlussvertrags 1908/1909 zog sich über zehn Monate hin. Da die Arbeitgeber alle Forderungen ablehnten, traten 174 Beschäftigte der Mainzer Aktien-Bierbrauerei in den Streik und riefen erfolgreich zum Boykott des Bieres ihrer Brauerei auf. Erst nach Vermittlung durch Oberbürgermeister Dr. Göttelmann kam im Juni 1909 ein neuer Tarifvertrag zustande. Er brachte den Brauern, Mälzern und Küfern ebenso wie den Bierfahrern, Heizern, Maschinisten, Hilfsarbeitern und Flaschenkellerarbeiterinnen deutliche Verbesserungen und galt bis 30. Juni 1914.

Autorin: Hedwig Brüchert